„Staunen, Danken, Bitten“: ein Projekt der Freude

„Staunen, Danken, Bitten“ ist ein Buch für den 77-jährigen Einsiedlermönch Fra Bernardino zum 25. Jubiläum seines Wiederaufbaus des ur-franziskanischen Klosters La Romita di Cesi. Herausgegeben hat es Jörg Mattutat von Delegato.

 


Jörg Mattutat gratuliert Fra Bernardino zum 25. Jubiläum seines Wiederaufbaus der Romita di Cesi.

 

Die ersten Seiten des Buches sind persönliche Widmungen von Wegbegleitern Bernardinos und Prominenten mit einer besonderen Affinität zur Romita-Idee, zum gelebten franziskanischen Ideal. Widmungen verfasst haben Prof. Dr. Hans Küng, bei dem Fra Bernardino in Tübingen promovierte, Navid Kermani, Träger des Friedenspreises des deutschen Buchhandels 2015 und Brückenbauer zwischen den Kulturen und Religionen, Angelo Branduardi, weitbekannter, italienischer Barde und Komponist eines Musicals zum Leben des Franz von Assisi sowie Kapuzinerbruder Paulus Terwitte, u.a. Leiter des Franziskustreff an Liebfrauen in Frankfurt. Das Buch enthält auf 152 Seiten Beiträge von Helmut Henningsen über den Cammino di Francesco, den Pilgerweg auf den Spuren des Franz von Assisi quer durch Umbrien, von Jörg Mattutat über seine Aufenthalte auf der Romita und berührende Texte von Fra Bernardino über Gott, die Welt und sein Lebensprojekt „Romita di Cesi“.

 


Titelseite des Buches „Staunen, Danken, Bitten“.

Herausgeber Jörg Mattutat zu seinem Buch: „Der charismatische Einsiedler und sein Wirken in der Nachfolge des Franz von Assisi bei seinem eigenhändigen Wiederaufbau der Klosterruine La Romita di Cesi hat mich bei unserem Besuch 2014 tief beeindruckt. In diesem Jahr habe ich Bernardino zu Pfingsten erneut besucht und mit ihm und seinen über 50 Gästen sein 25-jähriges Jubiläum gefeiert. Als Präsent hatte ich im Gepäck ein selbst produziertes Büchlein „Staunen, Danken, Bitten“, Auflage: 2 Exemplare, eines für Bernardino, eines für mich. Bernardino freute sich riesig, und ich mich darüber, dass er sich so freute. Jedenfalls mündete diese Freude in Bernardinos Wunsch, ihm das um einige Texte ergänzte Buch vor Weihnachten zur Weitergabe an die Freundinnen und Freunde der Einsiedelei sowie für Pilgerinnen und Pilger zur Verfügung zu stellen. Ich bin glücklich und dankbar, dass viele Förderer uns in diesem Projekt der Freude materiell und ideell unterstützen. Am 18. November haben Helmut Henningsen und ich die Bücher persönlich auf die Romita gefahren, 1.300 km hin, zwei Tage später 1.300 km zurück. Und jeder Kilometer und ganz besonders Bernardinos Freude und Gastfreundschaft waren pures Glück.“

 

Die Romita di Cesi: Vor 25 Jahren Ruine ohne Mauern und Dächer, heute Einsiedlerkloster und Pilgerherberge.

Jetzt wird das Buch zum Preis von € 20,-- in der Buchhandlung Zabel, Jugenheim, und Lesbar, Seeheim, angeboten. Jörg Mattutat: „Jeder, der Interesse daran hat, unser Büchlein zu erwerben, soll wissen: Jeder Cent des nach Produktions- und sonstigen Kosten verbleibenden Erlöses wird an Fra Bernardino und seine Romita di Cesi gehen, für den weiteren Ausbau und Erhalt des Klosters und der Pilgerherberge und für die vielen guten Projekte von Fra Bernardino, u.a. für den Aufenthalt von Kindern und Jugendlichen bei ihm in der Einsiedelei, in Zimmern ohne Strom und ohne warmes Wasser. Dort können sie – so wie ich – viel lernen darüber, was im Leben wirklich wichtig ist.“

Informationen/Bestellungen: Delegato, Jörg Mattutat, E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!, Tel. 0625785082


Blick vom Belvedere der Romita in die umbrische Landschaft.

 

 

Delegato-Projekt: Jerusalem-Weg 2017

Delegato lädt ein zu einer Pilger-Wanderreise ins Heilige Land vom 06. - 14. März 2017. Anders als auf den Wegen nach Santiago de Compostela oder Rom ist das individuelle Pilgern zu Fuß im Heiligen Land noch immer eine besondere Herausforderung. Die Anreise ist weit, die unterschiedlichen Kulturen verunsichern und polarisieren; das gilt erst recht für die politischen Verhältnisse. Nur wenige fühlen sich dem gewachsen und wählen deshalb die klassische Form der komfortablen Rundreise mit dem Bus, um das Ursprungsland des Christentums und der anderen großen Schriftreligionen zu besuchen. Dabei tritt die spirituelle Note des Pilgerns, des langsamen sich Annäherns, in den Hintergrund. Für diejenigen, die darauf nicht verzichten mögen, aber nur begrenzte Zeit einsetzen können, gibt es ein junges Pilger-Wanderreisekonzept, den Jerusalem-Weg. Dieser führt in 9 Tagen zu den wichtigsten Stationen des Lebens von Jesus Christus.

Partner von Delegato sind das auf Pilgerreisen spezialisierte Unternehmen Tobit – Reisen zwischen Himmel und Erde aus Limburg an der Lahn und vor Ort in Israel die erfahrenen, deutschsprachigen Guides von SK Tours in Nature. Die Wanderungen dauern drei bis max. sieben Stunden, inkl. Pausen. Die Route führt zunächst nach Galiläa, über Nazareth und Zippori nach Kana, dem Ort des Weinwunders. Von dort wandern wir an den Hörnern von Hittim und dem Arbel-Fels entlang durch das Taubental zum See Genezareth, folgen den Spuren Jesu nach Migdal, Tabgha, Kapernaum und zum Ort der Bergpredigt. Der Transfer entlang des Jordans führt an das Tote Meer und nach Jericho, von dort durch die judäische Wüste hinauf nach Jerusalem, bis an das Ziel des Pilgerweges: Das leere Grab in der Auferstehungskirche. Auch ein Besuch bei den palästinensischen Nachbarn gehört zum Programm. Die Übernachtungen erfolgen in klösterlichen Gästehäusern, in Kibuzzim und in Jerusalem in einem komfortablen, zentral in der Altstadt gelegenen Hotel. Tobit – Reisen zwischen Himmel und Erde hält bis Mitte Oktober ein Kontingent für uns reserviert. Die Kosten betragen je Person im DZ € 1.845,--, der EZ-Aufschlag beträgt € 330,--. Flug ab/an Frankfurt und Halbpension inklusive.

Unten steht ein ausführlicher Reisebericht; unsere Fotogalerie spannt einen Bilderbogen der Pilgerreise. Unter http://www.tobit-reisen.de/bilder/ereisen/pdf/R11_170306_Tobit_Jerusalemweg.pdf kann die detaillierte Beschreibung der Reise heruntergeladen werden. Weitere Informationen gewünscht? Eine kurze E-Mail an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! genügt.  

 

Im 5. Evangelium - In den Spuren Jesu auf dem Jerusalemweg. Notizen einer Pilgerreise vom 04. – 09. Juni 2016.

„Fünf Evangelien schildern das Leben Jesu: vier findest du in den Büchern – eines in der Landschaft. Liest du das fünfte, eröffnet sich dir die Welt der vier.“ Bargil Pixner

 

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Sonnenaufgang an den Hörnern von Hittim, zwischen Nazareth und See Genezareth

 

Von Tel Aviv nach Nazareth

Samstag, 04. Juni. Drei Wegbegleiter übernehmen für die nächsten Tage auf dem Jerusalemweg die Regie: Georg Roessler, zuständig für Spiritualität, Geschichte und Mundtrompete, Gedi Hampe, zuständig für Tourenplanung und Zeitmanagement, insbesondere in den Stunden vor Sonnenaufgang, beide Manager von „SK Tours in Nature“. Und - nicht zuletzt - Shabi, freundlicher, ehemaliger Gewichtheber, heute zuständig fürs Busfahren und für kulinarische Zauberkunst. Auf der Via Maris, ehemals bedeutendste Verkehrsader der Antike, heute Route 6, fahren wir nach Norden, durch das Land der Bibel von Samaria nach Galiläa, entlang der von den Israelis vor einem Dutzend Jahren errichteten Grenzanlage. Draußen klettert die Temperatur auf 40°, bei uns im Bus sind es angenehme 20.

Hinter Afula sehen wir im Nordwesten die Karmelhügel und ahnen das nahe Mittelmeer, im Nordosten zeigt sich der Tabor, der Berg der Verklärung Jesu. Zu Jesu Begleitern hinauf auf den Tabor zählten Petrus und Jakobus. Diese drei stehen auch für die großen Pilgerwege der Christenheit, nach Jerusalem, nach Rom und nach Santiago de Compostela. Als vierten füge ich Franz von Assisi hinzu, weil der Cammino di Francesco das Herzstück des Pilgerweges nach Rom bildet. Und weil vielleicht keiner in der persönlichen Nachfolge Christi so weit gekommen ist wie der Poverello. Meine Gedanken wandern zu Erlebnissen auf meinen früheren Pilgerreisen: Mit Jakobus in Kopf und Herz auf den Jakobswegen, mit Franziskus auf seinem Cammino… und heute bin ich mit Jesus auf dem Jerusalemweg. Meine Unterarmhärchen stellen sich auf. Innere Freude zieht ein.

Am frühen Abend erreichen wir Nazareth. Zu Jesu Zeiten war Nazareth ein armseliges Nest mit wenigen Hütten. Heute kämpft sich unser Bus durch die auch am Sabbat verstopften Straßen einer Doppelstadt mit 120.000 Einwohnern. Davon leben 65.000 in Nazareth, überwiegend Christen und Moslems, und 55.000 im jüngeren, jüdisch geprägten Ober-Nazareth. Quartier nehmen wir im Gästehaus der Betharram-Priester. Beim Abendessen und später im Innenhof des Klosters wächst in vielen quirligen Gesprächen das Kennenlernen unserer 20-köpfigen Gruppe. Vertreten sind alle Altersklassen von 24 – 72, Menschen mit vielfältigen Berufen und Berufungen, Studierende und Doktoren, diverse religiöse Konfessionen, Manager/innen und Praktikant/inn/en. Schnell ist klar: Hierarchie spielt keine Rolle, hier gilt persönliche Kompetenz. Es gibt reichlich Platz für Meinungen, auch für ausgefallene, aber nicht für Ideologien.

Sonntag, 05. Juni.  A l a h u   a k b a r… Der Ruf des Muezzins reißt die Gläubigen und alle anderen aus dem Schlaf. Erst ruft einer, bald dürften es vielleicht ein halbes Dutzend sein. Nach etwa fünf Minuten verklingen die ungewohnten Töne. Ein Blick aufs Handy zeigt 4 Uhr. Die Moslems beginnen noch früher zu beten, als z.B. die Benediktiner in ihren Klöstern.

Früh um 8 setzt uns Shabi unweit der Verkündigungskirche aus. Die größte moderne Kirche Israels wurde 1969 geweiht und entstand über der Grotte, in der Maria die frohe Botschaft vom Erzengel Gabriel erhielt. Die vielen Kritiker der vom Architekten Giovanni Muzio gestalteten Basilika Minor sollten Abbitte leisten, wie Georg bei seinen einführenden Worten. Das moderne Bauwerk darf als Erinnerung an das Versprechen verstanden werden, das die katholische Kirche mit dem 2. Vatikanum ihren Mitgliedern und der Welt gegeben hat, das Versprechen, sich zu öffnen, weniger dogmatisch und barmherziger mit den Menschen und sich selbst umzugehen. Die lichtvolle Oberkirche schmiegt sich, das Göttliche symbolisierend, sanft auf die düstere Unterkirche. Die Unterkirche, das sind wir Christen, die überwiegend noch zu Erleuchtenden. Die Teile, bzw. Reste der vier Vorgängerkirchen wurden in den Bau integriert. In der halb umlaufenden Arkade und im Erdgeschoß des monumentalen Gotteshauses hängen Marienbildnisse aus aller Welt, in ihrer Unterschiedlichkeit dokumentieren sie die Vielfalt christlichen Glaubens, christlicher Existenz und deren Bilderwelt. Die deutsche Maria wacht über ihre beiden durch eine Mauer voneinander getrennten Kinder. Die großen Bronze-Medaillons von Roland Friedrichsen in den Türflügeln des Hauptportals erzählen einfach und anschaulich biblische Geschichten. Die südliche Innenwand der Oberkirche wird beherrscht von einer Distanz gebietenden Domina-Maria eines amerikanischen Künstlers mit abstrakten, kantigen Gesichtszügen und strengem, weitem Langmantel. Ob der kleine Jesus dieses Kleidungsstück wohl als Schutzmantel verstanden hätte? Er hätte sich gewiss bei der sanften, zugewandten, selbstbewussten Maria, wie sie als Skulptur über dem südlichen Seiteneingang betrachtet werden kann, wohler gefühlt. Die wuchtige Säulen- und Deckenkonstruktion wurde nicht aus Holz, sondern - wie sich bei näherer Betrachtung zeigt - aus Beton gestaltet. Es kommt halt drauf an, was man draus macht.

 

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Einstimmung auf den Besuch der Verkündigungskirche

 

Durch enge Altstadtgassen und den am heutigen Sonntag stillen Souk steigen wir zum nördlichen Kamm hinauf. Weit geht der Blick über die Jezreel-Ebene und die Hügel Galiläas in das Land des heranwachsenden Messias. Nicht unwahrscheinlich, dass er seinen Vater Josef zu seinen Arbeitsstellen begleitet hat, z.B. nach Zippori, dem antiken Sepphoris, zur Zeitenwende die schönste und reichste Stadt der Region, mit vermutlich vielen Aufträgen für Handwerker.

 

Ein Date mit Mona Lisa vor dem ersten Wunder: über Zippori und Kana zum Kibbuz Lavi

Wir wandern hinüber zu den ausgegrabenen Mauern der Wohnhäuser und Bäder. Die berühmtesten Mosaike sind in der römischen Villa aus dem frühen 3. Jahrhundert zu bewundern. Aug‘ in Aug‘ wird klar, warum das farbenreiche Portrait einer jungen Frau „Mona Lisa von Galiläa“ genannt wird. Der faszinierte Blick mag sich gar nicht von ihr lösen. Eine einzelne weiße Taube verziert die freigelegten alten Steine, erinnert an das jüngst gefeierte Pfingstfest. Oben auf dem Dach der Zitadelle, die im 18. Jahrhundert ein Drusen-Emir wieder aufbauen ließ, umweht uns ein starker, warmer Wind in schönster Aussicht. Im Schatten knorriger Olivenbäume haben Shabi und Gedi in vielen Schälchen ein üppiges Mittagsmahl, Marke „koscher plus“, für uns vorbereitet. Der Hummus, ein Kichererbsenmus, verwöhnt den Gaumen ebenso, wie der Chai, ein gut gezuckerter, heißer Zitronentee mit frischer Minze.

Gestärkt wandern wir einen sich weit ziehenden Hang entlang Richtung Kana. Je länger wir uns kennen, desto tiefer werden die Unterwegs-Gespräche. Gemeinsames Gehen lockert die Zungen. In die Wanderungen werden spirituelle Impulse eingestreut. Die kurzen Textstellen aus der Bibel hat Georg unter uns ausgelost. Fast alle kommen als Vortragende an die Reihe. Wie Jesu Leben sich teilt in die Mission in Galiläa und die Passion in Jerusalem, so teilt sich auch unsere Reise: Hier in Galiläa wächst der Messias heran, erhält seinen Auftrag, rekrutiert seine Gefährten am See Genezareth und verkündet dort Gottes Reich. Nur zweieinhalb Jahre sind ihm dafür gegeben. Der zweite Teil, der schwere Gang in das Leid, die Passion, folgt auf dem Weg vom Toten Meer durch die judäische Wüste hinauf nach Jerusalem. Georg lässt sein Vergnügen spüren, dass es ihm bereitet, die jeweiligen Bibelzitate wortgewandt, originell und humorvoll auszudeuten. Hier, dicht vor Kana, nimmt er uns mit in Jesu Jugend und die beginnende Mission. „Wisst ihr denn nicht, dass hier mein Zuhause ist?“ ruft der 12-jährige selbstbewusst, pubertär, arrogant seinen Eltern zu, als sie ihn nach langer Suche im Tempel finden. Bei der Hochzeit von Kana hat Maria dann das erste Wunder von allen provoziert, auf höchst subtile, manipulative Weise, wie Georg erläutert. Sie sagt sinngemäß zu ihrem blutjungen Sohn: „Sie haben keinen Wein mehr.“ Zunächst wehrt Jesus ab: „Was willst Du, Weib?!“ Doch dann erfüllt er seiner Mutter den unausgesprochenen Wunsch, so wie viele Söhne und Männer es 2.000 Jahre später immer noch tagtäglich auf sich nehmen, wenn sie z.B. Sätze hören wie ‚Die Wasserkästen sind leer.‘ oder ‚Der Mülleimer ist voll.‘

 


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Das Lächeln der Mona Lisa von Galiläa

 

Der Bus bringt uns zum Kibbuz Lavi, d.h. Löwe. Die gepflegte, weitläufige Anlage mit 4-Sterne-Hotelkomfort liegt auf halbem Weg von Nazareth zum See Genezareth. Ein tougher Mittsiebziger mit Baseballmütze gesellt sich zu uns, der General Manager des Kibbuz. Er ist mit seiner Frau vor 50 Jahren aus Chicago hierhergekommen, als Paar der ersten Stunde sozusagen. Ungeschminkt breitet er die Besonderheiten des Kibbuz-Konzeptes vor uns aus. Der Grundidee nach leben alle in annähernd gleich großen Häusern mit 80-100 qm Wohnfläche, erledigen rotierend sämtliche Arbeiten und erhalten identischen Lohn. Das Arbeitsprinzip wird heute so nicht mehr praktiziert, weil es sich als nicht effizient genug erwiesen hat. Aber: Immer noch kommen alle Einkünfte, auch die außerhalb des Kibbuz erwirtschafteten, in einen Topf, aus dem gleiche Gehälter gezahlt werden. Lavi ist ein gemäßigt religiöser Kibbuz. In der Synagoge, gleichzeitig Versammlungsraum, sitzen im Gottesdienst Frauen und Männer getrennt. Bei der Besichtigung erhalten die Männer unter uns vor dem Eintritt eine Kipa, solange der Vorrat reicht. Eine Kopfbedeckung ist Pflicht. Das selbstverständlich koschere Abendbuffet lässt keine Wünsche offen. Das Angebot an unterschiedlichen Speisen ist so groß, dass wir Schweinefleisch und Milchprodukte nicht vermissen. Die Kleidung und die typische, gelockte Haartracht der orthodoxen Juden fallen auf, weil es nur wenige sind. Auch zum Essen tragen die Männer Kopfbedeckung. Bei den jungen jüdischen Frauen scheint es Mode zu sein, lange Haare hoch getürmt zu tragen und mit einem Kopftuch vollständig zu umgeben. Farblich sind die Outfits von den Sandalen bis zum Kopfkleid perfekt inszeniert. Etlichen Frauen ist anzusehen, wie sie das Bad in den bewundernden Blicken der Männer genießen. Das Restaurant ist auch ein Schmaus für die Augen.

 

Was uns, die irdischen Heerscharen und die glorreichen Sieben im Innersten bewegt: über die Hörner von Hittim, durchs Taubental, am Arbel-Fels entlang zum See Genezareth

Montag, 06. Juni. Alle sind pünktlich in der Lobby. Um 5 schultern wir die Rucksäcke und verlassen den Kibbuz durch den von einem Soldaten bewachten Haupteingang. Beim Abzweig in den Pilgerweg regt Georg an, dass wir einzeln, mit einigem Abstand zueinander, schweigend aus der Dunkelheit in die Dämmerung gehen sollen. Seine Empfehlung: „Sinniert doch ‚mal darüber, warum ihr eigentlich aufgestanden seid, wofür ihr brennt.“ Auf die sonst üblichen, anschließenden Einzelbefragungen könne in unserem Fall verzichtet werden. Das Gehen in der Stille fällt um diese Uhrzeit nicht schwer.

Ein intensiver Duft liegt in der Luft. Was das wohl sein mag? Das allmählich aufkommende Tageslicht taucht die im wahrsten Wortsinne biblische Landschaft in weiches Licht. Über mehrere hundert Meter schlängelt sich unsere Kette durch Kurven und über Hügel. An einem ausladenden Maulbeerbaum mit gummiartigen, fettgrünen Blättern halten wir für eine Trinkpause und brechen das Schweigen. Brigitte, Guide aus der Schweiz, kennt sich mit Pflanzenduft aus. „Von diesen Bäumen“, sagt sie, und zeigt auf das große Exemplar vor uns, „geht der Duft aus.“ Aber dieser dufte doch gar nicht, wird eingewendet. Na, das sei ein weibliches Exemplar; duften würden nur die männlichen. Und schon wieder haben wir etwas dazu gelernt.

Durch steiniges Gelände bewegen wir uns stetig bergauf. Inzwischen scheint uns die Sonne aus Ost direkt in die Gesichter. Südöstlich zeigen sich zwei sanfte Hügel, die Hörner von Hittim. Davor glitzert eine scharfe Felskante silbrig im Gegenlicht, der Arbel-Fels. Dass dahinter der See Genezareth und die Golan-Höhen auf uns warten, lässt sich nur ahnen.

 

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Der Arbel-Fels im Gegenlicht

 

Auf der Kuppe unseres Weges richten wir uns auf Steinen zur Pause ein und lauschen Georgs spannender Geschichte. Er zeichnet uns die Kreuzfahrerheere in die Landschaft, erzählt von Rainald de Chatillion, der so ziemlich alle mit dem immer mächtiger werdenden Sultan Saladin getroffenen Vereinbarungen brach. Er schlug alle Mahnungen Saladins in den Wind und überfiel immer wieder Karawanen, raubte und mordete, bis Saladins Geduld erschöpft war. Er stellte ein großes Heer zusammen und belagerte Tiberias. Der König von Jerusalem sammelte nun alle Kreuzfahrer, auch Chatillion und seine christlichen Mordbrenner, zur entscheidenden Schlacht. Auf den unangreifbaren Hügeln von Hittim, vermeintlich in Sicherheit, schlugen sie ihr Lager auf. Dort anzugreifen lag aber nicht eine Sekunde in Saladins Kalkül. Er lagerte mit seinen 45.000 Leuten in der Ebene, direkt vor unseren Augen, und wartete…, bis den 22.000 Kreuzfahrern das Wasser ausging. (Bei Temperaturen von jetzt schon nahe 30° geht der Griff automatisch zu den Wasserflaschen am Rucksack.) Den Christen blieb nichts übrig, als Ausfälle zu organisieren, die Saladin jeweils gelassen leer laufen ließ, so lange, bis die Kreuzritter in ihren schweren Rüstungen sich müde geritten hatten und zuhauf von ihren Pferden fielen. Saladins Leute konnten sie einsammeln wie Käfer. So hat es sich zugetragen am 04. Juli 1187 und Schluss war’s mit den Kreuzzügen und der christlichen Herrschaft über Jerusalem. Bis heute ist die Schlacht Saladins gegen die Kreuzritter eine der größten Heldengeschichten des Orients.

Ein großer Schwarm Tauben zieht einige Kreise um uns herum. Die Friedensvögel begrüßen uns am Eingang ihres Tales, des Taubentales. Unter einem Schatten spendenden Maulbeerfeigenbaum, dank Brigitte erkennen wir das sofort, richten wir uns ein, um Georgs nächsten biblischen Impuls aufzunehmen. Unweit dieses Ortes, am See Genezareth, berief Jesus seine Jünger, hier predigte er, hier vollbrachte er seine Wunder, hier liegt der Grundstein für den Glauben an seine Wiederkehr. Später, als Jesus und seine Jünger schon am östlichen Jordanufer, gegenüber von Jericho, angekommen waren, rief der vermeintlich ungläubige Thomas aus: „Lasst uns ihm folgen und mit ihm in Jerusalem sterben.“ Georg schließt mit einer Analogie der beginnenden Passion zum berühmtesten John Sturges-Western: „Die glorreichen Sieben satteln auf!“ Wie im Western beanspruchen die Vorbereitungen vergleichsweise viel Zeit. Dann explodiert die Handlung im kurzen, heftigen, spannungsgeladenen Finale.

Schon nimmt uns der nächste Höhepunkt gefangen. Wir besichtigen in Kapernaum die zauberhafte, unmittelbar am Seeufer gelegene griechisch-orthodoxe Kirche. Aus dem üppig-grünen Park klingen langgezogene, helle Pfauenrufe in unsere Ohren. Stolz führt uns Herr Pfau sein in Blau, Grün und Türkis changierendes Prachtrad vor. Das Äußere der Kirche besticht durch eine klassisch-symmetrische Architektur mit runden Kuppeln und zahlreichen gleichgroßen Kreuzen auf den Dächern. Rot und Blau setzen harte Kontraste zum Weiß der Außenwände. Die grelle Sonne verstärkt diesen Effekt. Innen ist die Kirche vollständig mit großformatigen, plastischen Fresken ausgemalt, mit den Motiven der Wunder, die Christus hier vollbracht hat. Der See draußen liegt nur wenige Schritte entfernt. Schon gleiten die Finger durch das warme Wasser, mit der Ausgrabungsstätte beim Haus des Petrus und der Synagoge im Blick.

 

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In Kapernaum am See Genezareth

 

Mit dem Bus sind es nur wenige Kilometer bis zum ausgewählten Strand. Einige geschützte, kleine Buchten laden zum Baden, ein Gasthaus zum Cappuccino ein. In dieser Reihenfolge geschieht es dann auch.

Biblische Geschichten zum Anfassen. Alles ist vorstellbar, der Sturm, die Wunder, das Übers-Wasser-gehen, alles. Der warme Wind pustet uns nach dem Bad schnell trocken. Am Strand und in den Felsen genießen wir ein Sonnenbad mit Panoramablick auf die nordwestliche Uferlandschaft. Im Café bei italienischem Espresso und Magnum-Eis am Stiel bleiben wir im Relax-Modus. Dieser setzt sich fort mit den inzwischen vertrauten Hinterbänklern auf dem Bustransfer, der uns von 235 Meter unter dem Meeresspiegel am Ostufer des Sees entlang durchs Jordantal ans Tote Meer bringt, hinunter auf minus 450 Meter, an den tiefsten Punkt der Erde. Die fröhliche Konversation lässt ein Nickerchen nicht zu. Die Schönheit der Landschaft mit den Tourismus-Ressorts am See und den Obst- und Gemüseplantagen am Fluss vertreibt die aufkommende Müdigkeit.

 

Schweigen, Staunen, Schwelgen: auf dem Zuckerweg durchs Wadi Og und nach Jericho

Der Kibbuz Almog, am Nordwestrand und in Sichtweite des Toten Meeres gelegen, ist einfach und zweckmäßig ausgestattet. In den kleinen Reihenhäuschen vermissen wir nichts. Auf der Terrasse künden einige Weinflaschen von der Einladung zum gemeinschaftlichen Nach- und Ausklang. Mehrere Gesprächszüge nehmen Fahrt auf. Gedi fackelt nicht lang und nennt die Uhrzeit für das Treffen am nächsten Morgen mit brutaler Direktheit: 4 Uhr mit Rucksack auf der Terrasse. Zuviel Schlaf haben wir also nicht zu befürchten. Die Wüste ruft.

Dienstag, 07. Juni. Um 3 Uhr 40 reißt uns der Wecker aus tiefen Träumen. Der Tütenkaffee treibt Kreislauf und Gedankenstrom hoch. Kurz nach 4 finden wir uns im Dunkel vor der Rezeption ein. Wie selbstverständlich checken wir die Vollständigkeit. Beim sog. Nasenzählen schaut jeder, ob die Gefährten, die im Bus in unmittelbarer Nachbarschaft sitzen, anwesend sind. Die Methode funktioniert absolut verlässlich. Am Kibbuz-Ausgang nickt uns die hübsche Wachsoldatin freundlich zu. Als loser Haufen gehen wir wenige hundert Meter hinauf bis zum Einstieg in den Wüstenwanderweg. Auf schmalem Pfad reihen wir uns aneinander, wie Perlen auf der Schnur. Wir bleiben still, auch weil wir in der Dunkelheit auf jeden Schritt achten müssen. Wir dürften inzwischen auf minus 300 Meter aufgestiegen sein. Ein Blick zurück zeigt die Oase unseres Kibbuz und die Lichter der Tourismusorte am nördlichen Toten Meer - faszinierend! Schritt für Schritt für Schritt steigen wir immer höher hinauf und hinein in die weiße judäische Felswüste, auf dem Zuckerweg, der alten Karawanenstraße, zum Wadi Og. Ob die Fotos das Kontemplative dieser Momente annähernd einfangen können?

Den Sonnenaufgang hinter den jordanischen Bergen bestaunen wir von einer Kuppe. Niemand bricht das Schweigen. Wir suchen uns Logenplätze in den Felsen und sind gefangen im Zauber dieser großartigen Natur. Kein Wunder, dass Gott dieses Land gewählt hat für die ganz großen Geschichten. Die Farbtöne der Wüste in der Morgendämmerung lassen sich eher fühlen als sehen, dieses Farbspiel von Tiefgrau bis Weiß, mit vielen Gelb-, Orange- und Grüntönen. Ein Zitat, lt. Eckart Tolle ein anonymes, macht die Runde: Die Stille ist die Sprache Gottes und alles andere ist eine schlechte Übersetzung.

 

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Durch die judäische Wüste hinauf nach Jerusalem

 

Wir überqueren die nächste Höhe und völlig unvermittelt liegt vor uns in einer geschützten Mulde ein großes, rechteckiges Bauwerk – orientalisch, arabisch anmutend: Nabi Musa, das andere, das von den Moslems verehrte Mosesgrab, mitten in der Wüste des gelobten Landes, abseits jeglicher Zivilisation. Der biblischen Erzählung nach liegt Moses nicht hier, sondern auf dem Berg Nebo begraben. Von dort hat er das Heilige Land gesehen, aber nie betreten.

Am späten Vormittag wandern wir im Wadi Og, einer Schlucht, die nur Wasser führt, wenn es oben in Jerusalem geregnet hat. Die Auswaschungen lassen ahnen, was für ein Naturereignis dann geboten wird. Guide David erzählt, dass bei entsprechender Wetterlage Tausende in die Schluchten ziehen, um die gewaltigen, talwärts rauschenden Ströme mitzuerleben. Wasserspiele haben in diesem heißen, trockenen Land ihren besonderen Reiz. Ein Greifvogel zieht knapp über unsere Köpfe diagonal durch die Schlucht und verschwindet über dem Kamm. „Ein Habichtsbussard.“ merkt David an, womit er sich als wichtige Bezugsperson in Sachen Birdwatching profiliert.

Das Nachmittagsprogramm ist eng getaktet - keine Atempause, Geschichte wird erlebt, es geht voran: Im Kibbuz umziehen und - zack, zack - zurück in den Bus. Mittagsmahl in Jericho, 9.000 Jahre alt, wohl älteste durchgängig besiedelte Stadt der Welt. Das Georgskloster bei Jericho, am Eingang des Wadi Kelt, das wir Morgen durchwandern wollen, sehen wir nur aus dem Busfenster hoch im Fels kleben. Die Mittagstafel im Restaurant am Rande der Altstadt ist wie für uns gemalt. Kaum haben wir Platz genommen, werden große Ventilatoren hinter uns aufgestellt. Große Karaffen mit einer giftgrünen Flüssigkeit, erkennbar eisgekühlt, stehen wie von Zauberhand vor uns. Der Inhalt: Die leckerste Limonade, die jemals durch gierige Kehlen geflossen ist, mit dem Geschmack von Limonen und Minze. Was Gedi von Tee versteht, verstehen unsere Gastgeber von Kaltgetränken. In Minuten füllt sich der Tisch mit vielen kleinen Köstlichkeiten.

 

Im Toten Meer

Die meisten lassen sich das Abenteuerbad im Toten Meer nicht entgehen. Über Bus-Lautsprecher klärt uns Guide Bertil über die Risiken auf: Beim Tauchen droht Orientierungsverlust. Bei 33% Salzgehalt verbietet sich das Baden mit offenen Wunden. Schwimmen dürfen wir nur im gekennzeichneten Bereich. Der Kopf ist über Wasser zu halten, damit kein Salz in die Augen dringt. Deshalb gehören die Hände auch während des Schwimmens nicht ins Gesicht. Dem Schlamm vom Grund des Toten Meeres wird Heilkraft zugeschrieben. Heilkraft wofür? Na für fast alles. In flirrender Hitze kommen wir am Baderessort an. Hier vereinigen sich die Totmeerfans aller Nationen. Alle bekannten menschlichen Hautfarben sind vertreten. Und einige mehr. Zu sehen sind sonnenschutzweiße Gesichter und schlammgraubraune Körper, die auf der Oberfläche treiben. Über mehrere Treppen, die an den kontinuierlich sinkenden Wasserspiegel erinnern, steigen wir ins babywannenwarme Wasser. Einige von uns schmieren sich von Kopf bis Fuß mit Heilschlamm ein. Mindestens für ein Hautpeeling wird das grobkörnige Zeug schon taugen. Silbrig-lehmig glänzt das undurchsichtige Nass. Dann liegen wir bequem rücklings auf dem Wasser und beobachten das Treiben um uns herum. Wir fotografieren uns gegenseitig mit einer Zeitungsdoppelseite vor den Nasen, ein Klassiker unter den Motiven am Toten Meer. Beim Hinaussteigen benötigt eine ältere Asiatin einen hilfreichen Arm. Es wird eher ein Aneinander festhalten daraus. Auf der jordanischen Seite liegen die Badeorte im Dunst, spiegeln sich im Silbermeer wie eine Fata Morgana.

 

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Blick über das Tote Meer auf das jordanische Ufer

 

Pilgrim‘s Paradise:  Wandern im Wadi Kelt

Mittwoch, 08. Juni. Gegen 07 Uhr 30 entlässt uns Shabi in einen sonnigen Morgen am Einstieg ins Wadi Kelt, durch das wir hinaufwandern wollen, „bis ins Paradies“, wie Gedi geheimnisvoll ankündigt. Es dürfte damit zusammenhängen, dass wir dringend angehalten wurden, unsere Badesachen einzupacken. Der Weg führt teils ausgesetzt hoch über den Schluchtgrund. Über besonders schwierige Stellen helfen wir uns gegenseitig hinweg. Einige nehmen ein erstes, frühes Bad in einem kleinen Teich, den der Bach zwischen einigen Felsen bildet. Im oberen Wadi entspringt die starke Fara-Quelle, die dafür sorgt, dass dieses Wüstental als einziges ganzjährig Wasser führt. Wie eine lange, schmale Oase zieht sich das Grün der Bäume und Büsche am Ufersaum entlang.

In einigen Passagen müssen wir im Talgrund laufen, mit den Wanderschuhen durchs Wasser und durch enge, dunkle Pflanzentunnel. Schuhe, Socken und Füße trocknen beim Weiterlaufen in der heißen Sonne jeweils in Rekordzeit.

An einem Teich voller harmloser Fische demonstriert uns Georg deren Appetit. Zu Hunderten stürzen sie sich auf die Brotkrumen, die er ins Wasser wirft. Die Fische führen uns vor, wie sie mühelos Felsbarrieren in kleinen Wasserfällen überwinden.

Gegen Mittag erreichen wir „das Paradies“. Oberhalb einer Freizeit- und Picknick-Anlage liegt ein ca. 10 x 4 Meter großes Schwimmbecken im Fels, gespeist vom kühlen Wasser des Baches. Auf der Einfassung sitzen wir nach erfrischendem Bad sehr bequem und verscheuchen die Fischchen, die an unseren Füßen knabbern, wenn wir diese ruhig halten.

 

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Pilgrim's Paradise im Wadi Kelt

 

Dass dieses Paradies unter dem Charitoun-Kloster nicht für die Ewigkeit gedacht ist, bemerken wir, als wir nach der Pause in praller Sonne zur Asphaltstraße aufsteigen. Auf der Fahrt zum Skopusberg verfliegt die Müdigkeit. Einige Nomaden-Camps, einfache Wellblechhütten mit Schaf- und Ziegenpferchen in karger Umgebung lösen Nachdenklichkeit aus über diese archaische Form menschlicher Existenz, ohne jeglichen Komfort und gewiss mit vielen Rechtsdefiziten und Nachteilen gegenüber den angepassten Teilen der Gesellschaft.

 

Auf dem Weg in die Herzkammer der Schriftreligionen:  Skopusberg, Ölberg, Kidrontal, Gethsemane

Shabi dreht eine Extrarunde um den Skopusberg, bevor er uns unterhalb der Universität absetzt. Wir verabschieden uns hier von ihm mit herzlichen Umarmungen. Georg hatte Recht, als er uns den freundlichen, hilfsbereiten ehemaligen Gewichtheber mit den Worten vorgestellt hat, wir würden rasch merken, wer der eigentliche Chef der Exkursion sei.

Wir stehen im warmen Wind auf dem Skopus und schauen über das Kidrontal hinüber zur Heiligen Stadt. Linker Hand zeigen sich auf dem Ölberg die sieben goldenen Hauben der Maria-Magdalena-Kirche. Zentral vor uns liegt die Altstadt. Golden glänzt die Kuppel des Felsendoms, schwarz die der Al-Aksa-Moschee.

Hier im Kidrontal erwarten die Juden das Jüngste Gericht, wie auch die Muslime, nach deren Überlieferung ein Seil gespannt wird von den Tempelzinnen bis zum Ölberg. Die Sünder stürzen hinab, die Gerechten laufen - von Schutzengeln geleitet - unversehrt hinüber… Christoph schlägt vor, ein Lied anzustimmen, bevor die Stadt uns in sich aufnimmt. Im Halbkreis unter Olivenbäumen auf einer Mauer sitzend, singen wir die ersten Strophen von „Tochter Zion, freue Dich“, mehr laut als schön. Aber gut, sehr gut, dass es geschieht.

 

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Vom Skopus zum Ölberg in die Heilige Stadt. Im Hintergrund: Die goldene Kuppel des Felsendoms

 

Fast überschlagen sich die Ereignisse. In einer Toreinfahrt gibt uns Georg eine Kurzeinweisung und schickt uns in den Garten Gethsemane. Hier hat Jesus mit seinen Jüngern genächtigt. Hierher kehrte er nach dem letzten Abendmahl zurück und bat und betete. Durch den Garten mit seinen uralten Olivenbäumen gehen wir in die Kirche der Nationen, erbaut vom berühmten Baumeister der Franziskaner, Antonio Barluzzi. Durch die Alabasterfenster fällt das besondere Licht auch auf uns.

Vorbei an der St. Anna-Kirche - an dieser Stelle haben die Eltern Marias, Anna und Joachim, gelebt - ziehen wir durch das Löwentor in die Altstadt ein. Wir sind auf der Via Dolorosa, dem Schmerzensweg des Erlösers. Die wirkmächtigste aller Geschichten lässt den unruhigen Straßenverkehr und die vielen Menschen fast vergessen.

 

Angels sing and trumpets sound: Musikalische Preziosen unter der Erde

Je näher wir unserem Pilgerziel, der Grabes- und Auferstehungskirche, kommen, desto größer die Spannung, die auch bei Profipilger Georg zu spüren ist. Eine letzte Improvisation fügt er noch ein: Auf gefühltem Zick-zack-Kurs laufen wir durch die Souks der Altstadt, stehen plötzlich vor dem Eingang der alten Queen Helen Coptic Orthodox Church. Georg führt uns hinein und durch eine niedrige Pforte die enge Stiege hinunter in eine höhlenartige Zisterne. Nun wird die spezielle Akustik des Wasserspeichers aus dem 4. Jahrhundert inszeniert: Georg verschafft sich Platz, fährt seine Arme aus, schließt die Augen und lässt seine unnachahmliche Mundtrompete erklingen. Im Anschluss an den verdienten Applaus verständigen wir uns darauf, gemeinsam ein mehrstimmiges „Dona nobis pacem“ nachzulegen. Christines glockenklarer Sopran schwebt durch den Raum, so schön, dass wir den Choral ein zweites Mal singen. Angels sing and trumpets sound…

 

Die Auferstehungskirche mit dem leeren Grab: Strahlkraft der Leere, physischer und spiritueller Anker des christlichen Glaubens

Dann stehen wir vor der Grabeskirche. Nur noch die Demutspforte trennt uns von dem Fels auf dem Jesus Christus lag nach seinem Tod am Kreuz, bis zu seiner Auferstehung. Dann knien wir in stillem Gebet. Wir sind gebannt von diesem besonderen Moment.

 

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Ziel der Pilgerfahrt: Die Kapelle des leeren Grabes in der Auferstehungskirche

 

Mit der richtigen Distanz zu den Dingen versorgen wir uns an der Bar für den verabredeten Treff auf der Dachterrasse des Hotels Gloria mit Kaltgetränken. Die Aussicht von dort auf die Lichter der Stadt ist großartig. Wir können uns kaum satt sehen und lassen uns die Sehenswürdigkeiten zeigen. Es wird ein denkwürdiger Abschlussabend. Zum Ausklang ziehen wir um in die gemütliche, plüschige Hotel-Lobby. Noch einmal gibt es Tiefgang-Gespräche über Pflicht und Kür des Lebens und die Balance desselben.

 

Einmal ist kein Mal. Und von einer Mutprobe

Donnerstag, 09. Juni. Das leere Grab zieht uns noch einmal fast magnetisch an. Auch früh um Halbsieben, kurz nach der Öffnung, befinden sich bereits zahlreiche Gläubige und Touristen in der Kirche. Aber es ist, wie erhofft, deutlich ruhiger als am Vorabend. Es folgt ein Rundgang durch das verwinkelte, unübersichtliche Gotteshaus, durch sämtliche Räume und Kapellen. Die Grabeskapelle, über der sich eine lichtdurchflutete Kuppel wölbt, wird dreimal umrundet. Dann geht es über mehrere breite Treppen zum tiefsten Punkt des Gebäudes. Am Kreuz in der Grotte erklingt leise unser Kyrie Eleison. Vom Quietschen vieler Schuhsohlen auf den Treppen in unserem Rücken lassen wir uns nicht unterbrechen und bringen Gesang und Gebet zu Ende. Dem Guide und seiner etwa 20-köpfigen Gruppe gebührt Dank dafür, dass sie die Stille gewahrt haben. Zufrieden beschließen wir den Rundgang am Salbungsstein, der mit zahlreichen, an der Decke befestigten Weihrauchgefäßen geschmückt ist.

Dann übernimmt Georg ein letztes Mal die Regie. Ein Jerusalem-Programm der besonderen Art habe er für uns im Sinn. Für das übliche Sightseeing bliebe eh keine Zeit. Schnell erreichen wir die City of David, eines der bedeutendsten Ausgrabungsprojekte der Welt. Hier wächst der Tempel des David, die Tempelstadt, vor 3.000 Jahren erbaut, aus dem Staub der Jahrhunderte. Den Eingang ziert eine überdimensionale Harfe, das Lieblingsinstrument Davids. Nasse Füße wird es geben, stellt Georg in Aussicht. Er schickt uns in den Hiskija-Tunnel. Das sei ein einmaliges Erlebnis. Nur gleich hinter dem Eingang wären ein oder zwei Schritte durch oberschenkeltiefes Wasser auszustehen; anschließend sei das Wasser durchgängig etwa knöcheltief. Ja, wir würden unsere Handy-Taschenlampen brauchen, weil es stockdunkel sei im Tunnel. Manche Männer zögen die Hosen aus; das fände er etwas übertrieben. Aber jetzt sollten wir aufhören zu fragen und einfach einsteigen in den Tunnel und genießen. Die Hosen behalten wir an. „In 20 Minuten treffen wir uns am unteren Ausgang am Siloah-Teich“, verabschiedet uns Georg ins Dunkel des Tunnels.

 

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Eingang zur City of David, dem historischen Jerusalem des Alten Testamentes


Was für ein Gefühl! Einstieg in ein Wassersystem, das vor mehr als zweieinhalbtausend Jahren erdacht und erbaut wurde, um den assyrischen Aggressoren den Zugang zum Wasser der Kidron-Quelle, der einzigen der Region, zu verschließen und die eigenen Leute verlässlich damit zu versorgen. Über mehr als einen halben Kilometer haben zwei Gruppen von Arbeitern nicht etwa geradeaus, sondern in Kurven aufeinander zugegraben und sich in der Mitte zum Durchstoß getroffen. Unsere Altvorderen waren großartige Ingenieure.

Beim Absteigen in den Tunnel kommt uns eine dreiköpfige amerikanische Familie entgegen, die nach wenigen Metern kehrt gemacht hat. Wir bleiben auf Kurs. Im Einstiegsbereich ist der Tunnel noch gut zwei Meter hoch und vielleicht einen knappen Meter breit. Wir hören das Wasser rauschen. Dann umspült es unsere Füße, angenehm kühl. Ah, das müssen jetzt die ein oder zwei Schritte sein, in denen das Wasser bis an die Oberschenkel reicht… Wir gehen etwa 20 Schritte, bis das Wasser die angekündigte Knöcheltiefe hat. Ohne unsere Taschenlampen würden wir die Hand nicht vor Augen sehen. Der Tunnel ist an vielen Stellen jetzt nur etwas mehr als schulterbreit. Unangenehmer ist es, dass die Höhe teils nur bei 1 Meter 50 oder sogar etwas darunter liegt. In diesen Passagen können wir nur in gebückter Position, im Entenmarsch watscheln. Klaustrophobische Gedanken kommen und gehen… Schritt für Schritt für Schritt… Es werden lange, sehr lange 533 Meter. Dann endlich zeigt sich Licht am Ende des Tunnels…Wohl keiner von uns hat jemals zuvor jemandem solange auf den Hintern geschaut wie wir heute dem oder der jeweils Vorausgehenden…

 

Von Festen an der Klagemauer und vom Abschied

Am Zugang zur Klagemauer werden wir zügig und freundlich durch den Sicherheitscheck geschleust, wie am Flughafen. Wir beobachten einige Bar Mizwa-Feiern. Mit 13 erhalten die jüdischen Jungs das Recht, in der Synagoge aus der Thora vorzulesen. Das wird mit fröhlichen, großen Familienfesten gefeiert. Zwei Gruppen singen, tanzen und lachen unmittelbar vor der gewaltigen Klagemauer. Party und Klage - das scheint nicht als Wiederspruch empfunden zu werden. Zum Felsendom führt eine Holzbrücke, die für nicht moslemische Besucher meist frühmorgens geöffnet wird.

 

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Fröhliche Bar Mizwa-Feier vor der Klagemauer

 

Beim Abschied im Hotel versprechen wir uns, Bilder auszutauschen und Kontakt zu halten. Die Fotos werden bleiben. Und die inneren Bilder. Und vielleicht einiges mehr.

 

 

Delegato-Projekt: Cammino di Francesco 2014

 

Inspiriert durch eine Pilgerreisereportage im April 2013 entwickelten Jörg Mattutat und Helmut Henningsen zunächst eine Vision, dann ein Konzept und schließlich einen Plan für die Pilgerreise einer Delegato-Gruppe auf dem Cammino di Francesco, auf den uralten Pfaden des Franz von Assisi. Im Juli 2013 recherchierte Helmut die Wege und Quartiere vor Ort, im September 2014, vom 13. bis zum 30., folgte die Pilgerreise. Impressionen der Tour in chronologischer Reihenfolge können unter Fotogalerien betrachtet werden.

 

 

 

Die Delegato-Gruppe vor dem Rieti-Tal: von links: Ernst-Josef Robiné, Maria Rzepka, Jörg Mattutat, Lothar Krombach, Peter Hensel

 

Helmut Henningsen führte die Delegato-Gruppe durch Umbrien von einem franziskanischen Kleinod zum nächsten.

 

 

Karte und Kurzbeschreibung der Pilgeretappen

 

 W = Wandern, F = Fahrrad, T = Transfer, G = Gesamt  
Tag/Etappe Wegbeschreibung km  
01. Individuelle Anreise/Transfer nach La Verna    
02. Aufenthalt in La Verna    
03. La Verna - Pieve Santo Stefano 15 W  
04. Pieve Santo Stefano - Sansepolcro 10 W20 F7 W  
05. Sansepolcro - Città di Castello 19 F18 W  
06. Città di Castello - Pietralunga 33 F  
07 Pietralunga - Gubbio 5 W18 F  
08. Gubbio - Valfabbrica 8 F13 W16 F  
09. Valfabbrica - Assisi 10 W  
10. Assisi    
11. Assisi – Spello - Trevi 16 W15 T  
12. Trevi – Quellen den Clitumnus - Spoleto 8 W10 F2 T  
13. Spoleto – Romita di Cesi - Cesi 8 F23 W  
14. Cesi – Kloster Sacro Speco - Stroncone 24 F11 W3 T  
15. Stroncone - Greccio 15 W  
16. Greccio – Kloster Fonte Colombo -Poggio Bustone 11 F14 W  
17. Poggio Bustone (Aufenthalt, Kloster und Einsiedelei) 5 W  
18. Transfer/Abreise    
       
       
  Gesamtstrecke 170 W167 F337 G  
 

 

Ein fiktives Interview mit Franz von Assisi,

geführt von Jörg Mattutat, einige Wochen vor dem Start.

D: Guten Tag, lieber Franziskus, wie geht es Dir im Himmel?

F: Himmlisch (schmunzelt) ... Ernsthaft: Das lässt sich nicht in Worte fassen, die Ihr Irdischen verstehen könntet. Das könnt Ihr nur mit Herz und Seele fühlen. Am ehesten vielleicht, wenn ihr Musik macht oder hört; die vom 5. Evangelisten Johann Sebastian Bach z.B. ...

D: Deine Musik ist uns ja leider verloren gegangen. Immerhin können wir uns mit Deinen Liedertexten befassen. Man nennt Dich den Troubadour Gottes. Dein "Sonnengesang" ist ein Welthit geworden.

F: Ach ja? Das freut mich. Der Text musste damals viele Jahre reifen. Auch mit der letzten Version war ich nicht wirklich zufrieden. Ich wäre mit den Inhalten gerne Gott noch näher gekommen. Da ging mir mein "Friedensgebet" leichter von der Hand.

D: Im nächsten Jahr wollen wir auf Deinen Spuren pilgern, von La Verna bis Poggio Bustone, über 353 Kilometer. Gefällt es Dir, dass mehr als 800 Jahre nach Deiner Geburt immer mehr Menschen Dir nachspüren?

F: Na, manche streifen mit ganz anderen Motiven durch mein Revier. Aber auch diese weiten ihre Horizonte. Alle sind herzlich willkommen. Auf Jede und Jeden, der sich mit offenem Herzen auf den Weg macht, warten sehr persönliche Erfahrungen mit mir und meinen Chefs, ob sie oder er glaubt oder nicht.
Respekt für die Strecke, die Ihr Euch vorgenommen habt. Nehmt Euch Zeit für den Weg und die Menschen, die Euch begegnen. Ein wenig Training schadet gewiss nicht, damit Ihr heil über die Berge kommt.

D: Einige von uns sorgen sich wegen der Strapazen auf dem Weg, um ihre Gesundheit und um ihre Ausrüstung. Was sollen wir mit uns tragen?

F: Jeder Tag sorgt für sich selbst. Aber die Starken von Euch sollten große Rucksäcke füllen. Den Inhalt können sie dann denjenigen geben, die ärmer sind, als sie selbst. Wer noch Zweifel fühlt, kann sich ja an die Delegato- und Calma-Checklisten halten.

D: Typisch „Il Poverello“, den Beinamen trägst Du wirklich zu Recht. Franziskus, bitte gestatte eine sehr persönliche Frage: Wie war Dein Verhältnis zu Clara?

F: Ach, Clara, die Heiligste von allen. Sie versteht vom Herrn so viel mehr als ich. Was ich mir mühsam erarbeiten musste, war in ihr schon alles angelegt. Als ich ihr begegnete, lag der erste Teil meines Lebens schon hinter mir. Ich genoss das süße Gift der Liebe zwischen Frau und Mann in vollen Zügen, bis ich kapierte, dass mich das und andere Zerstreuungen vom Herrn fern hielten. Andere schaffen beides gleichzeitig – bewundernswert. Clara und ich, das war und ist die wirkliche Liebe, die uns Ihm näher und näher bringt.

D: Und Antonius von Padua?

F: Antonius ... wir haben uns viel zu selten gesehen. Gott, wie konnte er reden. Sein Charisma brachte bis zu 30.000 Menschen auf die Plätze. Sie schwiegen und lauschten seinen Worten. Unsere schönste Zeit hatten wir ... es war wohl in Le Puy, vielleicht im Jahre 1214, ich besuchte ihn dort auf meinem Weg nach Santiago de Compostela. Er war Guardian unseres Klosters dort.

D: Hast Du mit ihm das „Tau“ von seinem Namensvetter Antonius dem Großen übernommen?

F: Ihr seid gut vorbereitet. Ja, so war es. Das „Tau“, der letzte Buchstabe im griechischen Alphabet, das Stirnzeichen aus dem Hebräer-Brief der Bibel für die Gesegneten, die aus Ägypten auszogen, das kreuzförmige „T“ als Symbol für den Herrn. Ihr findet es als Wegweiser auf meinem Cammino.

D: Franziskus, die Geschichte Deiner Stigmata. Magst Du sie uns erzählen?

F: Schwingt da Unglaube in der Frage mit? Mein größtes Glück, mein Einssein mit Jesus Christus – es gibt keine Worte für dieses Glück. Aber (lächelt verschmitzt): Wer’s glaubt, wird selig.

D: Franziskus, herzlichen Dank für das Gespräch. Dürfen wir wieder kommen?

F: Jederzeit. Buon giorno, buona gente.

 

Das Tau im Blick

Auf dem Cammino di Francesco
Pilgern im italienischen Apennin ist eine Begegnung mit der Welt des Heiligen Franziskus zwischen Besinnlichkeit und Herausforderung. Von Helmut Henningsen auf Basis seiner Erlebnisse auf der Recherche-Tour 2013.
La Verna an einem Julimorgen. Ich stehe in der Dämmerung neben Franziskusbruder Manuele und schaue still in den roten Himmel und über die Hügel der Toskana. Irgendwo im Süden werde ich nach ein paar Wochen Fußweg ein neues Stück Pilgerweg beenden. Frankreich, Spanien und der Hl. Jakobus gehören der Vergangenheit an, mit viel Neugier und wenig Ballast im Gepäck suche ich das Abenteuer neuer Wege. Ein Einstieg nach Maß, spiritueller kann das Gefühl nicht sein, wenn man die alten Klostermauern durch den stillen Buchenwald verlässt. Erinnerungen an erste Erlebnisse auf dem Jakobsweg, mühsame Aufstiege in die Pyrenäen zum Kloster Roncesvalles, Herzklopfen und stille Freude über das Unterwegssein bestimmen die ersten Glücksmomente. Geh mit Gott und gute Reise! Dies und ein schmales Büchlein sind die Dinge, an die ich mich vorerst halte. Ich pfeife mit den Waldvögeln um die Wette und versuche, mich nicht gleich im Schilderwald zu verlaufen. Die ersten 15 von 350 Kilometern Weg in das unterhalb gelegene Pieve Santo Stefano liegen vor mir. Zu dieser frühen Stunde wird mir kein Pilger begegnen, ich werde mit meinen Eindrücken, Aussichten und Einblicken in meine Gemütswelt alleine sein. Im Blätterrauschen und Knarzen alter Bäume sehe ich mich als Teil dieser großartigen und weitläufigen Landschaften, Ferne und Alleinsein weiß ich auszuhalten. Es fällt mir leicht, in die Wege des Hl. Franziskus einzutauchen.
Ein Baumstumpf ersetzt die Bank zur Rast. Vielleicht habe ich La Verna zu voreilig verlassen. Ich versuche, die Bedeutung des dort Erlebten zu ermessen, mir vorzustellen, wie Franziskus seine letzten Lebensjahre dort verbracht hat. Mir fallen seine Gebetsplätze ein und die Bilder, die ich davon gemacht habe. Gut, dass ich noch genügend Zeit habe, darüber nachzudenken und zu verstehen, was vor 800 Jahren hier passierte.
Zunächst lenken Kreuzungen und Abzweige meine Aufmerksamkeit wieder auf den Weg. Ein weitläufiges Tal bündelt den Verkehr von Nord nach Süd, der Pilgerweg wechselt hinter Pieve Santo Stefano in die einsame Bergwelt der Alpe de la Luna. Starke Regenfälle im Frühjahr haben die Wege teilweise entstellt, neue Trampelpfade finden sich, wenn es ewig bergan und in die Höhen geht. Still und verschlossen liegt das kleine Kloster von Cerbaiolo am Hang, ich raste und genieße den einzigartigen Ausblick auf den Stausee im Tal. Bis ins Jahr 2010 war dies die Heimstätte der Eremitin Chiara. Ihr Lebensinhalt, die hübsche Einsiedelei zu erhalten und zu einem spirituellen Ort für alle vorbei ziehenden Pilger zu machen, ließ sie, gemeinsam mit ihrer Ziege, hier alt werden. Ihr Grab finde ich unterhalb auf dem kleinen Kirchhof. Menschen wie sie sind unersetzlich und bilden das imaginäre Netz legendärer Persönlichkeiten, das über dem Cammino di Francesco liegt.
Die Passhöhe von Viamaggio lässt die Sommerhitze vergessen, und mit zunehmender Entfernung von den Hauptverbindungswegen werden auch die Pfade schmaler und verwachsen. Schotter und Dornen, rutschige Abgänge und die bange Frage, wie und wo es weiter geht, vertreiben alle Schmerzen, die sich mit der Zeit einstellen.
Mediterrane Temperaturen und die heitere Atmosphäre Sansepolcros empfangen mich unten im Tiber-Tal. Nach Stunden des Schweigens finde ich zurück in das entspannte Leben des Mezzogiorno. Grün und ocker, die Farben des Apennin, nehme ich mit in die engen Gassen der Kleinstadt, bunte Fassaden, Fensterläden, Markisen und Straßencafés bestimmen das Bild des Ortes, fern ab des lärmenden Tourismus. Beschauliche Plätze laden zum Verweilen, Schwalben lenken meine Blicke in das Lichtspiel der Abenddämmerung. Ich fühle mich geborgen in dieser wohl tuenden Umgebung.
Pilger hält es nicht lang an einem Ort. Ultreya, vorwärts jetzt, heißt es seit 1.000 Jahren. Und so zieht es mich über einen Umweg in das Kloster von Montecasale. Früh oder spät muss man dort oben eintreffen, den Zauber dieses Ortes erleben, die Gastlichkeit, die Stille und den Wert all jener Winkel begreifen, aus denen der Geist Franziskus' spricht. In verträumten Ecken wandert der Blick weiter über Wälder und Täler.
Dieser innere Frieden war es wohl auch, der Franziskus damals veranlasste, den Räubern dieser Gegend gütig gegenüber zu treten und sie straffrei wieder in die Gesellschaft einzugliedern. Christliche Grundgedanken beschäftigen mich hier, wie auch die Fragen zu unserer Kontroverse über Bewährungshilfe und Resozialisierung. Ich spüre, dass mir die Gedanken des Heiligen auf seinen Lebensstationen in den kommenden Tagen immer wieder begegnen werden. Die Klöster sind der Einband für das farbige Bilderbuch seiner Werke. Ich will versuchen, sie zu finden, um seinem Denken und Handeln nahe zu kommen und sie zu verstehen.
Mal links, mal rechts des Tiber schlängelt sich der Pilgerweg über Berg und Tal. Sonnenblumenfelder konkurrieren im Morgenlicht um das schönste Motiv und die Gunst meiner Aufmerksamkeit. Pilgerwege folgen nicht immer der direkten Route, sie führen zu hoch gelegenen Burgen, uneinnehmbaren Festungen und sind mit Mühen verbunden. Sicherheit, Logis und Verpflegung standen damals im Vordergrund. Ich sehe schon bald die Hügelkette mit den kommenden Anstiegen nach Citerna und Monterchi, willkommene Städtchen, die aus ihren Mauern der Befestigung nie wirklich heraus wuchsen. Kurzweilig sind die Erkundungen dieser zeitlosen Flecken, romantisch für den, der sich am gemütlichen Takt authentischen Lebens erfreuen kann.
Lang wird der Weg nach Cittá di Castello und groß die Vorfreude auf die Stadt der zahlreichen Türme, Kirchen, Paläste und Museen. Ich verlasse die Toskana und lerne nun die unbekannte Region Umbrien kennen.
Direkte Wege nach Assisi überlasse ich gerne den Eiligen und nehme den ruhigen Pilgerweg über Gubbio. Ich verlasse endgültig die Niederungen des Tiber und steige auf in die Höhen der östlichen Serra. Ruhe und Abgeschiedenheit sind der Lohn für neue Plagen. Die kleine Kirche Pieve di Saddi überrascht in ihrer Verlassenheit, lässt die Gedanken um neue Sinne kreisen. Gerne würde ich in dieser verlorenen Gegend bleiben, mit geschlossenen Augen den Grillen lauschen und mich den fremden Düften hingeben. Gedanken an spanische Höhenzüge kommen mir in den Sinn, und es wäre schön, käme hinter der nächsten Kuppe eine Bleibe in Sicht. Weiter muss ich und die letzten Meter hoch hinauf, um in Pietralunga meine Herberge zu finden. Die Abende gleichen einander: Schnell sind die Qualen vergessen, ein freundlicher Ort, hilfsbereite Menschen und die Aussichten in unbeschreiblich anmutige Landschaften entschädigen sofort für die langen Strecken der Einsamkeit, der Entbehrungen und der Unsicherheiten.
Weit dehnen sich die Vororte von Gubbio aus, und bei endlosen Blicken auf diese hübsch gelegene Stadt werden sogar die Augen mit der Zeit müde. Gut, dass keine Hügel mehr im Weg sind. Ich stehe staunend vor den Toren, so kühn sind die Mauern der Paläste mehrstöckig in den Hang gebaut. Es zieht mich in diese Stadt der unzähligen Gassen und Terrassen, mit ihren Ausblicken in die weite Ebene hinein. Unvergessen bleiben die schönsten Minuten des Abends, als der glühende Himmel die Mauern um die Piazza Grande zum Leuchten bringt. Mit den Alten und Geduldigen kann ich dort ausharren, bis sich unsere Wege in die umliegenden Locandas trennen.
Die Morgensonne und das prachtvolle Panorama der Stadt im Rücken veranlassen mich immer wieder, anzuhalten. Während ich noch über Franziskus' legendäre Begegnung mit dem Wolf nachdenke, entdecke ich La Vittorina, eine der wohl schönsten kleinen Kapellen dieses Weges: Als hätte sie nur darauf gewartet, empfängt sie mich unverhofft mit offenen Türen und einer dezent beleuchteten Apsis. Alleine sitze ich dort, und voll innerer Freude fällt es mir schwer, mich zu trennen vom Anblick der ansprechenden Fresken, der stimmigen Proportionen, der alten Bänke und dem glückseligen Gefühl, einem Kleinod durch Zufall begegnet zu sein. Es ist der Beginn des Friedensweges, dem ich nun bis Assisi folge.
Viele Pilger sehen in Assisi das Ziel ihrer Pilgerreise. Geboren und begraben in dieser Stadt hat Franz von Assisi dem Ort zu gleichwertiger Bedeutung neben den großen Wallfahrtstädten Santiago de Compostela und Jerusalem verholfen. Die zweite Hälfte seines nur 44 Jahre währenden Lebens (1182-1226) verbrachte er in dem Entschluss, in eigener Armut und Bescheidenheit den Schwachen und Mittellosen zu helfen und die christlichen Werte zu praktizieren. Hinterlassen hat er zahlreiche Texte und Gebete, legendäre Erzählungen über seine besondere Tierliebe und einen weltweiten Orden. Franz zu Ehren nahm der neue Papst nun seinen Namen an. In Assisi lassen sich alle Superlative vereinen. Mit wenigen Einwohnern zahlenmäßig eher klein, empfängt die Stadt alljährlich bis zu 6 Millionen Gläubige aus aller Welt. Ich beschränke mich auf wenige Wichtigkeiten, besuche das Kloster San Damiano und den San-Rufino-Dom, wo sich der Taufstein Franziskus' und seiner Gefährtin Clara befindet. Mit vielen Pilgern bestaune ich später die Basiliken Santa Maria degli Angeli, die über der Portiuncola, dem Sterbehaus des Ordensgründers, erbaut wurde. Als Weltkulturerbe beeindruckt mich die Doppelkirche San Francesco mit dem Freskenzyklus Giottos über das Leben des heiligen Franz. Gegen seinen Willen prunkvoll erhebt sie sich über seinem einstmals bescheidenen Grab.
Zufällen soll man Zeit und Gelegenheit geben. Das wird mir noch einmal klar, als ich am frühen Morgen hinter Assisi verschwitzt am Kloster Carceri ankomme. Fast schüchtern bimmelt ein Glöckchen und veranlasst mich, näher zu treten. Als Zaungast gerate ich in die Morgenandacht in der kleinen Seitenkapelle. Über die Rücken der Betenden fällt mein Blick aus dem Seitenfenster in die sonnigen Wälder und das tief unten liegende Tal. Dankbarkeit für den rechten Zeitpunkt erfüllt mich, als ich später im Halbschatten durch den lichten Buchenwald empor steige. War ich bei elementaren Entscheidungen in meinem Leben immer zur rechten Zeit am richtigen Ort? Sicher nicht. Mich beschäftigt die Frage noch lange, ob es nicht vielmehr die kleinen Erlebnisse dieser Art sind, die mein Leben ausmachen.
Der Pilgerweg erreicht heute die Baumgrenze, auch in der Höhe ist es heiß und ich komme mächtig ins Schwitzen. Immer schmaler wird der Pfad, Kalkschotter tanzt in lustigen Mustern vor meinen Augen. Jeder Stein ist ein Unikat, mit jedem Schritt entsteht ein neues Bild. Seit Beginn meiner Wanderung suchen meine Blicke das gelbe T, jenen Buchstaben, der den Weg markiert und sich als "Tau" zum Symbol einer weltweiten Bewegung etabliert hat. Ich vermute die Letter überall, an jedem Baum oder Zaun. Und so wundert es mich nicht, dass ich das Zeichen plötzlich im Kiesbett meines Pfades wieder finde: Zwei Bruchstücke formen den Buchstaben, der mir verrät, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Oder sind das Halluzinationen der Mittagssonne? Ein paar Tage später werde ich es jedenfalls in seiner Urform im Kloster Fonte Colombo vor Rieti sehen.
So erreiche ich unterhalb des Monte Subasio ein altes Holzkreuz auf 1100 m Höhe, wringe meine Schweißbänder aus und genieße den Blick hinab nach Assisi. In einem Kästchen liegt ein Gästebuch mit Eintragungen in vielen Sprachen. Allen gemeinsam ist die Freude dieses Anblicks und eine tief empfundene Dankbarkeit für die Schönheit der Wege, der hoffnungsfroh erwarteten Strecken.
Wieder begegne ich niemandem in diesen Stunden des Alleinseins. Mir bleiben meine unausgesprochenen Gedanken und die endlosen Melodien zum Takt meiner Schritte. Ein Trampelpfad folgt über lange Zeit einem markanten Zaun. Weite Strecken führt der Pilgerweg dann bergab nach Spello, in diesen hübschen Ort auf einer Bergkuppe, der sich mit vielen Blumen in den Gassen und Türen schmückt.
Wie unangenehm ein Weg sein kann, erfahre ich auf meiner Etappe durch Foligno. Selten haben mich zahllose Baustellen, fehlende Markierungen und nicht enden wollende Ausfallstraßen so genervt wie hier. Für den Wirtschaftsstandort hat dies alles seine Berechtigung, für einen Fußpilger ist es eine harte Prüfung seiner Geduld. Ich atme erst wieder auf, als ich in Trevi ankomme. Wie habe ich mich doch an die Überschaubarkeit und Gemütlichkeit der kleinen Orte gewöhnt! Eine Gruppe italienischer Pilger heitert mich auf, alles wird gut! Über kleine Weiler erreiche ich die Quellen des Clitumnus, deren Wasser schon vor langer Zeit besungen wurden. Natürlich brauche ich einige Phantasie, mir neben der gegenwärtigen Verkehrsstraße das muntere römische Treiben an seinen Ufern vorzustellen. Dennoch ist es ein Ort, der sich seine ruhige Ausstrahlung erhalten hat.
Geht es an Flussläufen entlang, so bin ich sicher, gut voran zu kommen. Entsprechend schnell bin ich in Spoleto, dem Festspielort der "Zwei Welten", wo sich jeden Frühsommer die Stadt und insbesondere der Domplatz in eine Livebühne für Konzerte, Oper und Theater verwandelt. Dankbar stelle ich fest, dass man auf ältere Mitbürger und müde Pilger Rücksicht nimmt, indem man ihnen die steilen Fußwege hinauf in die Oberstadt erspart und diese mit Rolltreppen zugänglich macht.
Abseits aller Verkehrsstraßen bringt mich der Pilgerweg tags drauf in die waldreichen Ausläufer der Monti Martani. Ziel ist dort die Einsiedelei Romita di Cesi. Kleine Nebenstraßen wechseln sich ab mit weichen Waldwegen, frischer Schattenvegetation, nahen Bächen, einer stimmgewaltigen Vogelwelt und grandiosen Fernblicken als Lohn für zwischenzeitige Anstiege. Ich bewundere ausgiebig die Abstufungen von Farbe und Form der umliegenden Bergketten, raste und nehme die besondere Stimmung dieser Wälder in mich auf. Ich lausche meinen Schritten, meinem Atem und spüre, wie mit jedem Kilometer der Weg nach Poggio Bustone kürzer wird. Bin ich mir zu sicher, auf dem rechten Weg zu sein? Ich habe die Zeichen verloren und befrage wiederholt meine Karte. Ich vermute meine Route über einen seitlich liegenden Hang. So bleibt mir nur der Gang zurück, und es wird langsam spät. Dann plötzlich hält ein Geländewagen neben mir. Nein, der Weg sei falsch, aber man könne mich bis zum Ort Cesi mitnehmen. Dafür müsste ich jedoch auf die Einsiedelei verzichten. Ich wähle die sichere Variante und bin erstaunlich schnell dort, wo ich eigentlich erst morgen sein sollte. Ich rufe mich zur Räson und verspreche, achtsamer zu sein.
Später erfahre ich in Gesprächen mehr über die Romita. Ich behalte sie mir für spätere Gelegenheiten in Erinnerung, als einen abseits gelegenen Ruhepol zwischen den Welten, einen Platz, der dem wachsenden Bedürfnis nach innerer Einkehr gerecht wird, eine liebevolle Pilgerherberge, die noch ohne Trinkwasseranschluss und andere Errungenschaften auskommt.
Abgesehen von Foligno hatte kein Ort bisher mehr als 40.000 Einwohner. Der Lärm der Zivilisation, der aus der Tiefebene zu mir herauf dringt, lässt nichts Gutes erwarten. So wundert es mich nicht, dass ich endlos durch Außenbezirke mit hässlichen Zweckbauten unterwegs bin. Gut, dass der markierte Weg großräumig um die Stadt geführt wird. Welch ein Unterschied zur Ruhe der vergangenen Tage! Neue Schnellstraßen verschleiern den richtigen Weg und führen in die Irre, wieder muss ich zweimal zurück. Hätte ich nur gelbe Farbe dabei! Mir tun jetzt schon alle leid, die nach mir Gleiches erleben. Hätte ich nur gelbe Farbe dabei!
Hinter Collescipoli sind diese Ärgernisse überstanden, der Blick ist endlich wieder frei auf grüne Bergketten und fruchtbare Wiesen in den Tälern. Franziskus verbrachte einen Teil seines Lebens in der Provinz Rieti, so dass dort im Land verstreut zahlreiche Klöster entstanden. Der Pilgerweg verbindet sie trotz großer Umwege im Netz des Cammino.
Der zermürbende Aufstieg zur hoch auf dem Hügel liegenden Klosteranlage Sacro Speco führt teils über steile Geröllstrecken. Jeder Schritt muss vorsichtig gesetzt werden. Der Rucksack wirkt doppelt schwer. Mein Unwille, meine Zweifel, meine Schwäche äußern sich in lauten Flüchen, die in der Weite der Landschaft ungehört verhallen.
Wie groß aber ist die Freude an der letzten Kurve, die den Blick auf das Ziel frei gibt! Franziskus' Einsiedeleien sind keine touristischen Anziehungspunkte. Man ist mit sich und der Anlage meist allein, findet überall Gelegenheit zum Verschnaufen und Meditieren. Über Stroncone, eine ungewöhnlich düster wirkende Kleinstadt in großartiger Lage, bringen mich die Wegzeichen in die Höhen des Colle Tavola, dorthin, wo ich mich hinter einer Hochfläche plötzlich am Rande einer Abbruchkante wieder finde, wo das Ziel meiner Reise greifbar nahe scheint. Ich versuche, das Rieti-Tal mit meiner Karte in Einklang zu bringen, verorte Städte , Berge und Seen und mag mich kaum trennen vom Anblick dieser eindrucksvollen Gegend! Ob ich in diesen Augenblicken die Schöpfung wohl annähernd so empfinden kann, wie damals Franziskus? Es überrascht mich nicht, dass er zum Patron von Umwelt, Ökologie und der Tiere ernannt wurde. Ich denke an seinen Sonnengesang und die Vogelpredigt und fühle mich nah bei seinen Gedanken, die ihn wohl bewegten. Wie schön und friedlich sieht doch unsere Welt von oben aus!
Ich schaue mir später im Kloster von Greccio die großartige Sammlung der Weihnachtskrippen an, die in vielfältigster Weise zusammengetragen wurde, um daran zu erinnern, dass Franziskus hier in 1225 mit lebenden Tieren erstmals die Weihnachtsgeschichte in Szene setzte. Am Rand des Tals, das einer Schale gleicht und von Gebirgszügen gesäumt ist, finden sich weitere Klöster und Wirkungsstätten des Heiligen. Ich beschränke mich mit einem Umweg auf das Kloster Fonte Colombo, beherbergt es doch eines der wenigen nachweisbaren Tau-Zeichen, das Franziskus selbst gezeichnet hat, dem ich nun seit Wochen gefolgt bin. Und wirklich, unscheinbar in der Wand einer kleinen Kapelle finde ich es, fast übersehbar, ein Symbol, das für die franziskanische Bescheidenheit spricht und dennoch eine weltweite Bewegung vereint.
Lautstark macht Rieti unten im Tal auf sich aufmerksam, eine Stadt mit fast 50.000 Einwohnern, deren Größe und Betriebsamkeit mir lästig ist. Ich umfahre Rieti und setze meine Pilgerreise ab Cantalice mit der letzten Etappe fort. Sie wird für mich zum gemütlichen Ausklang, lenkt mich an waldigen Hängen entlang und zeigt mir stets die Silhouette von Poggio Bustone. Der Schlusspunkt ist kein spektakuläres Ziel, wo Weihrauchkessel durch die Lüfte fliegen und Andenken verkauft werden, wo sich Massen in Schlangen aufstellen, um einen letzten Stempel in den Pilgerpass zu bekommen, es gibt auch keine Urkunde. Aber es gibt eine kleine Einsiedelei oberhalb in den Wäldern mit einer kleinen Glocke, die man läuten kann. Und es gibt die Freude, mein Eintreffen aller Welt mitzuteilen.

 

Der Sonnengesang des Franz von Assisi


Höchster, allmächtiger, guter Herr,
dein sind der Lobpreis, die Herrlichkeit und Ehre
und jeglicher Segen.
Dir allein, Höchster, gebühren sie,
und kein Mensch ist würdig, dich zu nennen.
Gelobt seist du, mein Herr,
mit allen deinen Geschöpfen,
zumal dem Herrn Bruder Sonne;
er ist der Tag, und du spendest uns das Licht durch ihn.
Und schön ist er und strahlend in großem Glanz,
dein Sinnbild, o Höchster.
Gelobt seist du, mein Herr,
durch Schwester Mond und die Sterne;
am Himmel hast du sie gebildet,
hell leuchtend und kostbar und schön.
Gelobt seist du, mein Herr,
durch Bruder Wind und durch Luft und Wolken
und heiteren Himmel und jegliches Wetter,
durch das du deinen Geschöpfen den Unterhalt gibst.
Gelobt seist du, mein Herr,
durch Schwester Wasser,
gar nützlich ist es und demütig und kostbar und keusch.
Gelobt seist du, mein Herr,
durch Bruder Feuer,
durch das du die Nacht erleuchtest;
und schön ist es und liebenswürdig und kraftvoll und stark.
Gelobt seist du, mein Herr,
durch unsere Schwester, Mutter Erde,
die uns ernährt und lenkt
und vielfältige Früchte hervorbringt
und bunte Blumen und Kräuter.
Gelobt seist du, mein Herr,
durch jene, die verzeihen um deiner Liebe willen
und Krankheit ertragen und Drangsal.
Selig jene, die solches ertragen in Frieden,
denn von dir, Höchster, werden sie gekrönt werden.
Gelobt seist du, mein Herr,
durch unsere Schwester, den leiblichen Tod;
ihm kann kein Mensch lebend entrinnen.
Wehe jenen, die in schwerer Sünde sterben.

Selig jene, die sich in deinem heiligsten Willen finden,
denn der zweite Tod wird ihnen kein Leid antun.
Lobt und preist meinen Herrn
und sagt ihm Dank und dient ihm mit großer Demut.


 
Friedensgebet, dem Hl. Franziskus zugeschrieben


Oh Herr, mach‘ mich zu einem Werkzeug Deines Friedens,
dass ich Liebe übe, wo man sich hasst,
dass ich verzeihe, wo man sich beleidigt,
dass ich verbinde, da wo Streit ist,
dass ich die Wahrheit sage, wo der Irrtum herrscht,
dass ich den Glaube bringe, wo der Zweifel drückt,
dass ich die Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält,
dass ich ein Licht anzünde, wo die Finsternis regiert,
dass ich Freude mache, wo der Kummer wohnt.

Herr, lass mich trachten:
nicht, dass ich getröstet werde, sondern dass ich tröste;
nicht, dass ich verstanden werde, sondern dass ich verstehe;
nicht, dass ich geliebt werde, sondern dass ich liebe.

Denn, wer da hingibt, der empfängt,
wer sich selbst vergisst, der findet,
wer verzeiht, dem wird verziehen,
und wer stirbt, erwacht zum ewigen Leben.